This statement is also available in English.
Was ist die IMK – und warum macht sie Stimmung gegen Fans?
Seit dem Jahr 1954 treffen sich die Innenminister*innen aus Bund und Ländern regelmäßig zur sogenannten Innenministerkonferenz (IMK). Erklärtes Ziel dieser Zusammenkünfte ist dabei, die länderübergreifende Kooperation in innen- und sicherheitspolitischen Fragestellungen zu intensivieren und so Maßnahmen für eine vermeintlich bessere Sicherheitssituation zu ergreifen. Gegen diese Praxis formiert sich umfangreiche Kritik und Proteste von verschiedenen Organisationen. Im Kern der Kritik stehen die drohenden Maßnahmen wie die Einführung personalisierter Tickets, ein neues verschärftes Verfahren für Stadionverbote, der Ausbau KI-gestützter Überwachungssysteme und weitere Maßnahmen, die den “Krieg gegen Pyrotechnik” weiter vorantreiben.
Das Bündnis “Fanszenen Deutschland” macht mit einer Unterschriftenkampagne und erklärenden Texten auf der Homepage aufmerksam. Auch der Dachverband der Fanhilfen informiert umfassend über die drohenden Verschärfungen.
Ganz vorne mit dabei im Zirkus der politischen Scheinaufregung: Die Polizeigewerkschaften. Sie nutzen jede Gelegenheit, um Alarmstimmung zu erzeugen und sich selbst als unverzichtbare Verteidiger der „öffentlichen Ordnung“ zu inszenieren. Hinter der aufgeregten Rhetorik steht ein klares Interesse: höhere Budgets, mehr Befugnisse und die weitere Ausweitung polizeilicher Macht in der Gesellschaft.
Drohende Maßnahmen – Stadionverbote als politisches Werkzeug
Die Gesamtheit aller im Raum stehenden Maßnahmen sind ein frontaler Angriff auf die deutsche Fankultur und den gesellschaftlichen Freiraum Stadion. Doch sie bergen ganz besonders auch autoritäres Missbrauchs- und Willkürpotenzial.
Besonders gefährlich ist in diesem Kontext die diskutierte Ausweitung von Stadionverboten:
Bereits die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens würde demnach automatisch dazu führen, einem Menschen den Stadionbesuch zu verwehren. Unter dem Deckmantel der “Prävention” werden so rechtsstaatliche Grundprinzipien, wie die Unschuldsvermutung, endgültig und vollständig abgeschafft.
Darüber hinaus werden die bereits existierenden lokalen Kommissionen, welche bisher über die Vergabe von Stadionverboten auf Grundlage ihrer Kenntnisse vor Ort entscheiden, massiv in ihren Entscheidungsspielräumen beschnitten. Durch die Schaffung einer übergeordneten Instanz, welche jederzeit und ohne Angabe von Gründen Verfahren an sich ziehen kann, sind der politischen und polizeilichen Einflussnahme Tür und Tor geöffnet. Es würde ein Instrument geschaffen, welches leicht und ohne Kontrolle gegen unliebsame, kritische oder engagierte Fans eingesetzt werden kann. Welche Missbrauchs- und Verfolgungsmöglichkeiten sich durch die neue Stadionverbotspraxis böten, will man sich wohl kaum ausmalen. Es entsteht ein mächtiges Werkzeug zur Zensur antirassistischer und antifaschistischer Stimmen in den Kurven.
Personalisierte Tickets – eine antirassistische Perspektive
Personalisierte Tickets schaffen unnötige Hürden und schließen Menschen aus, die keinen festen Ausweis besitzen. Ausweispflichten können für geflüchtete Menschen ein Sicherheitsrisiko darstellen und misstrauische Behördenkontakte verstärken. Statt Integration zu fördern, entsteht so zusätzliche Angst und Unsicherheit. Die Maßnahme trifft somit vor allem jene, die ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen. Insgesamt gefährden personalisierte Tickets antirassistische Initiativen, die Menschen ohne Papiere einen gemeinsamen Stadionbesuch ermöglichen.
Eine unheilige Allianz – Hinterzimmerpolitik ohne Fans
Bereits im Oktober 2024 kritisierte betreffend der Dachverband der Fanhilfen, dass im Rahmen des Gipfels von Politik und Verbänden zur Stadionsicherheit ein “Angriff auf die freie und selbstbestimmte Fankultur” vorgenommen wird. Seitdem laufen im Hintergrund geheime Verhandlungen in der Arbeitsgruppe “BLoAG” im klassischen Hinterzimmer-Politikstil. Das Ausschließen kritischer Stimmen in dieser Arbeitsgruppe passt ins Weltbild all der Akteure, die Kontrolle und Autorität über Teilhabe und demokratischen Diskurs stellen. Durch den Ausschluss zentraler zivilgesellschaftlicher Akteure – Fanvertretungen, Fanhilfen, unabhängige Expert*innen – wird der diskursive Raum künstlich verengt. Die politische Aushandlung wird zur bloßen Formalität degradiert, das Ergebnis ist faktisch schon festgeschrieben, bevor ernsthafte Verhandlungen überhaupt beginnen.
Repression als Herrschaftsstrategie
Die Angriffe auf die freiheitliche, laute und kritische Fankultur sind Teil einer autoritären Neuordnung, mit der der Staat auf die Krise des Kapitalismus reagiert. Unter dem Vorwand von „Ordnung“ und „Schutz“ werden Freiheitsrechte, kollektive Selbstorganisation und soziale Sicherheit Schritt für Schritt eingeschränkt.
An die Stelle von sozialer Verantwortung und Selbstregulierung tritt Kontrolle. Der Sicherheitsstaat verwaltet die Krise und wer sich nicht anpasst, wird zur Gefahr erklärt.
Diese Entwicklung zeigt sich in vielen Bereichen: in der Ausweitung digitaler Überwachung, beim Einsatz von Kameras und KI im öffentlichen Raum, in der Nutzung von Analysesystemen wie Palantir durch die Polizei, neue Polizeiaufgabengesetze, die die polizeiliche Macht ausbauen, in repressiveren Asylgesetzen oder im Abbau sozialer Leistungen. Jene Politik folgt dem Prinzip der Versicherheitlichung: Gesellschaftliche Gruppen werden zu „Sicherheitsproblemen“ erklärt, um außergewöhnliche Maßnahmen zu legitimieren. Fußballfans, Migrant*innen oder Aktivist*innen werden zu Bedrohungen gemacht, um Überwachung, Datenerfassung und Einschränkungen von Freiheitsrechten zu rechtfertigen. So wird Politik zur Polizeiangelegenheit.
Im Kern geht es um die Verteidigung bestehender Machtverhältnisse. Der Sicherheitsstaat schützt nicht „die Gesellschaft“, sondern eine Ordnung, die auf Ungleichheit, Ausschluss und Kontrolle basiert. Fußballfans, die sich gegen Rassismus oder Polizeiwillkür engagieren, werden so zu Symbolfiguren eines breiteren Konflikts: zwischen kapitalistischer Verwertungslogik und gesellschaftlicher Emanzipation.
Repression als internationales Projekt
Die Entwicklungen in Deutschland stehen nicht isoliert. In ganz Europa und darüber hinaus wird Fußball zum Versuchsfeld autoritärer Sicherheitsstrategien. Orte, in denen Subkultur gelebt wird, werden schrittweise in überwachte Räume verwandelt.
Beispielhaft ist im Oktober 2025 ein Spielabbruch in Tel Aviv durch die Polizei mit anschließenden Gewaltausbruch gegen die antirassistische Fanszene von Hapoel Tel Aviv. Dieser Spielabbruch wurde mit dem Einsatz von Pyro begründet. Auch in Italien lässt sich diese Entwicklung exemplarisch beobachten. Dort wurde 2009 mit der Tessera del tifoso („Fan-ID“) ein System geschaffen, das Fans nur noch unter staatlicher Registrierung ins Stadion lässt. Was einst als Mittel gegen Gewalt verkauft wurde, hat eine lebendige Fankultur fast vollständig entkernt. Viele Kurven wurden ausgedünnt, entpolitisiert oder gleich ganz verdrängt. Wer sich der Kontrolle verweigerte, verlor das Recht, den eigenen Verein zu begleiten. Nicht selten wurden ganze Fangruppen pauschal von Auswärtsspielen ausgeschlossen. Für viele Ultras ist der Fußballplatz damit kein Ort der Freiheit mehr, sondern zum Symbol staatlicher Überwachung geworden.
Auch in anderen Ländern zeigen sich ähnliche Entwicklungen: In der Türkei wurde die Passolig-Karte 2013 eingeführt. Ohne dieses personalisierte Ticket ist kein Stadionbesuch mehr möglich. In Polen und Ungarn gehört die biometrische Zugangskontrolle längst zur Standardausrüstung moderner Arenen. Und überall wird sichtbar: Neue Überwachungstechnologien werden bei Fußballfans ausprobiert, deren Lobby als klein genug eingeschätzt wird, um sie als Versuchskaninchen zu gebrauchen. Offenkundig fürchten Verantwortliche kritische und unbequeme Fankultur.
In ihren Berichten weist European Digital Rights (EDRi) gemeinsam mit der Green European Foundation darauf hin, dass Fußballfans in mehreren europäischen Ländern zunehmend als Versuchspopulation für digitale Kontroll- und Überwachungstechnologien dienen. Dazu zählen insbesondere biometrische Identifikationsverfahren wie Gesichtserkennung sowie algorithmisch gestützte Risiko- und Verhaltensanalysen. Diese Instrumente schaffen keine Sicherheit, sondern verschieben die Grenze des Erlaubten. Sie verwandeln Stadien, Plätze und Straßen in Räume permanenter Beobachtung, in denen Freiheit unter Generalverdacht steht und viel zu viele Menschen Zugriff auf die Identität von Menschen haben, deren “Verbrechen” das Einscannen eines Tickets und das Stehen im Fanblock ist..
Die Kriminalisierung und Überwachung von Fankulturen ist damit kein nationales Randphänomen, sondern Ausdruck einer internationalen Entwicklung: einer autoritären Reaktion auf die Krise des Systems. Anstatt Ursachen von Missständen wie Armut, Ausgrenzung oder Rassismus anzugehen, setzen Regierungen auf Kontrolle, Datensammlung und Disziplinierung.
Der Kampf gegen Repression im Fußball ist deshalb auch ein Kampf gegen den Umbau Europas zu einem Kontinent der Überwachung und Abschottung. Wer sich in den Kurven organisiert, kämpft damit nicht nur für Fanrechte, sondern für das Recht auf freie Öffentlichkeit und Selbstbestimmung – hier wie überall.
Die Freiheit von Fans gemeinsam verteidigen – Alerta Network, November 2025
